Das Ei. Vom Kultgegenstand zum Souvenir
 Unter besonderer Berücksichtigung der sorbischen Ostereier
 von Dr. Lotar Balke

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  gekürzt, der vollständige Text mit vielen Farbfotos ist veröffentlicht in:        
Irene Ziehe:
RUND UND SCHÖN. 10 Jahre Europäischer Ostermarkt             
Heft 3 der Kleinen Schriften des Museums Europäischer Kulturen, Berlin 2003
Preis: 10,--€ zzgl. Versand+Porto, online zu bestellen mit Bestellformular

Das gefärbte und verzierte Ei gehört zu den ältesten volkskünstlerischen Erzeugnissen der Menschen. Das nimmt keineswegs Wunder, denn das Ei wurde seit jeher als Symbol des Lebens, der Fruchtbarkeit und der Stärke angesehen. Es fand deshalb in vorchristlicher Zeit vielfach zu den abgehaltenen Frühlingsfestenverwendung, auf denen nach dem langen und entbehrungsreichen Winter mit einer Reihe von unterschiedlichen Riten die anbrechende wärmere Jahreszeit begrüßt wurde.
Dass Eier auch als Grabbeigabe Verstorbenen mitgegeben wurden, ist eine Sitte, die in die frühgeschichtliche Zeit zurückreicht. Hierbei treten neben echten Eiern bereits Nachbildungen aus Ton, Steinen und Halbedelsteinen auf. Das Ei kann in diesen Fällen einmal als Symbol des Lebens angesehen, zum anderen aber auch als Wegzehrung für den Toten gedeutet werden.
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Im Laufe der Jahrhunderte hat die christliche Kirche viele vorgefundene Bräuche übernommen. Dabei gehen im Bereich des Osterbrauchtums die vorchristlichen Bräuche scheinbar nahtlos in die christlichen über, was als Erklärung der noch immer lebenden Bräuche um Feuer und Wasser in der Osternacht dienen kann. Auch konnte hierbei die Bedeutung der Eier für das Frühlingsfest gut auf das zeitlich gleichliegende Osterfest übertragen werden, wodurch sie zum Sinnbild der Auferstehung Christi wurden, der die Grabeshülle sprengte wie das Küken die Eierschale.
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Das Ostereierverzieren gehört somit zu den kulturellen Erscheinungen, die auf eine lange Tradition zurückverweisen können. Den Belegen nach bereits in frühgeschichtlicher Zeit ausgeübt, lässt es sich bis in die Zeit des Feudalismus zurück verfolgen und wird ohne Unterbrechung bis in die Gegenwart ausgeführt.
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In Deutschland haben sich lediglich einige Inseln erhalten, wo Ostereier traditionell verziert werden. Eine davon, und zwar die größte befindet sich im deutsch-sorbischen Gebiet der Lausitz. Hier werden noch vier verschiedene Verzierungstechniken angewandt. Es sind dies die Wachsbatiktechnik, die Wachsbossiertechnik, die Kratztechnik und die Ätztechnik.
Bei der Wachsbatiktechnik, die am weitesten verbreitet und wohl auch mit als älteste der angewandten Techniken zu betrachten ist, werden die Muster unter Verwendung von Stecknadelkuppen und zurechtgeschnittenen Federkielen mit flüssigem Wachs auf das Ei aufgetragen und dasselbe dann gefärbt. Dieser Vorgang kann adäquat der Stoffbatik mehrmals wiederholt werden, wodurch kleine Kunstwerke an Farbe und Auszier entstehen können. Ursprünglich trug man bei dieser Technik das Wachs auf das rohe Ei auf und kochte es dann in einem Sud aus Zwiebelschalen oder anderen Naturfärbemitteln, was gegenwärtig nur noch vereinzelt geschieht.
Bei der Wachsbossiertechnik, die ebenfalls schon sehr alt ist, dann aber fast in Vergessenheit geriet und erst in den letzten Jahren, bedingt durch die Propagierung in den Ausstellungen der Sorbischen Webstube Drebkau, wieder verstärkt angewandt wird, wird die Ornamentzeichnungen entweder mit dunkel gebranntem Wachs auf das hell gefärbte oder durch mit Farbzusätzen bunt eingefärbtem Wachs auf das naturfarbene Ei aufgetragen und verbleibt dort als Schmuckelement.
Die Kratztechnik verlangt schon eine größere zeichnerische Begabung. Die Muster werden mit einem scharfen Gegenstand (Messer, angeschliffene Feile, Zahnarztbohrer u.ä.) in das zuvor in kräftige Farbtöne eingefärbte Ei eingekratzt und zeigen sich dann zumeist als zartere und feinere Zeichnung.
Bei der Ätztechnik, deren Verbreitung in der Gegenwart stark zurückgegangen ist, werden die Muster mittels verdünnter Säure auf das gefärbte Ei geschrieben. Die die Farben ausätzende Säure muss dann schnell wieder vom Ei entfernt werden, damit sie nicht verläuft, und die Muster sich somit Weiß vom farbigen Untergrund abheben.
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Im Jahre 1983 fand in der Sorbischen Webstube Drebkau die erste Ausstellung "Bunte Ostereier" mit 630 anzuschauenden Exemplaren statt. Wie war es nun dazu gekommen? Bunte, in Wachsbatiktechnik verzierte, Ostereier sind mir seit meiner frühesten Kindheit bekannt. Gehörten sie doch zu den österlichen Patengeschenken und wurden zum Walleien gebraucht. Aufgehoben wurden sie jedoch nicht, sondern stets aufgegessen. Doch das änderte sich mit der Zeit durch meine beginnende Beschäftigung mit volkskundlichen Themen. Als ich 1955 bei meinem Karfreitagsbesuch in Trebendorf von der Volkskünstlerin Hana Hanušec ein bemaltes Osterei geschenkt bekam, blieb es liegen und erhielt dann die Nummer "Eins" in meiner Sammlung.
Von anderen Volkskünstlern gestaltete Eier gesellten sich dazu, die dann zunächst noch vereinzelt durch mährische und rumänische Eier ergänzt wurden, die ich mir von meinen Reisen mitbrachte.
Durch die Anregung einer Hamburger Ostereiersammlerin, die in starkem Maße an unseren sorbischen Eiern interessiert war, begann ich ab 1980 systematisch zu sammeln. Und so gelang es mir mit der Zeit, Ostereier von fast allen damals bekannten sorbischen Volkskünstlern auf diesem Gebiet zu bekommen.
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Daneben kamen durch Tausch mit Sammlern in der Schweiz, Österreich, Liechtenstein und der damaligen Bundesrepublik Ostereier von dorther nach Drebkau. Durch meine persönlichen Kontakte zu Museen in Prag, Brünn, Budapest, der Slowakei sowie zu einigen polnischen Museen gelang es mir, Ostereier aus diesen Ländern zu bekommen.
Diese Institutionen vermittelten mir auch Adressen von Volkskünstlern, mit denen ich mich in Verbindung setzte, um dort später persönlich die verzierten Eier abzuholen. Diese "Ostereierfahrten" waren immer besondere Ereignisse, an die ich gern noch heute zurückdenke.
Nach der Wende wurde es dann möglich, an Ostereiermärkten in Hamburg, Hessen und in den Niederlanden teilzunehmen, von denen ich stets mit guten Sammelergebnissen heimkehrte. Obwohl in meiner Sammlung inzwischen Eier aus Glas, Porzellan, Ton, Stein Holz, Filz und anderem zu finden sind, liegt mein Hauptaugenmerk auch weiterhin auf volkskünstlerisch gestalteten Eiern. Hier sind es besonders die in sorbischen Techniken ausgeführten Eier, von denen mehr als 1.200 in der Drebkauer Ausstellung zu finden sind.
Mit Fug und Recht lässt sich sagen, dass diese Sammlung mit über 3.000 Ostereiern der verschiedensten Art als älteste und größte in den neuen Bundesländern bezeichnet werden kann. Die Exponate stammen aus mehr als 50 Ländern aller Kontinente und werden durch Volkskunstgegenstände ergänzt, die zur österlichen Brauchtumspflege gehören.

Hervorhebungen von der Redaktion

Literaturhinweis

Becker, Albert
Osterei und Osterhase, Jena 1937

Bott, Irmgard
Ostereier-Malerei aus Merdorf und Erfurtshausen, Königstein/Taunus 1979

Bukowska, Janina
Pisanki polskie z X XIII wieku. In: Polska sztuka ludowa, Rok XII, Nr. 1/1958, S. 45 49

Conrad, Michael
Beitrag zu der in den Provinzialblättern der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften enthaltenen Abhandlung.von den Sitten und Gebräuchen der heutigen Wenden, Dessau 1783. Reedition, in: Letopis Reihe C, Nr. 10, Bautzen 1967

Cornakec, Jewa-Maria
Kleine serbische Ostereierfibel, Bautzen 1990

Dalton-Garrett, Daphne
The Art of Decoratina Wendish Easter Eqqs, Warda/Texas 1987/1991

Frenzel, Abraham
Historia popüli et rituum Lusatiae Superioris, (um 1700) Fotokopie im Sorbischen Institut Bautzen

Haupt, Walther und Huth, Joachim
Das Zinsregister des Klosters Marienstern, Bautzen 1957

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